Yoga und die individuelle Anatomie

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass jeder alles erreichen kann, solang er sich nur bemüht, möchte ich heute eigentlich das genaue Gegenteil erläutern – zumindest in Bezug auf Yoga.

Auch wenn viele Yogalehrer predigen (und wohl auch selbst davon überzeugt sind), dass das regelmäßige und konsequente Üben einer Ãsana zwangsläufig zum Erfolg führt, muss ich dieser Annahme in gewisser Hinsicht widersprechen.

Es gibt da nämlich den individuellen Knochenbau, der sich nun einmal nicht immer an die altindischen Vorgaben hält. Starre Regeln, wie eine Position zu gestalten ist, führen meistens zu Frustration und im schlimmsten Fall zur Verletzung des Schülers. Wie der einzelne in der Lage ist, eine Haltung auszuführen, hängt von unzähligen Faktoren ab, zum Beispiel der Tiefe der Gelenkspfannen, wo der Oberschenkelknochen auf das Becken trifft, wie gern die Hüfte intern oder extern rotiert, die Oberflächenstruktur der Bänder oder auch schlichtweg die Länge von Armen und Beinen.

Die individuelle Kondition ist absolut maßgebend wenn es um die “klassische” Ausführung einer Position geht. Es spielt also eine große Rolle wie gelenkig und wie flexibel der Praktizierende ist, um die bestmögliche Haltung zu finden. Sprechen wir von “gelenkig”, ist der Knochenbau der Person gemeint, wohingegen die Flexibilität die Dehnbarkeit von Muskeln und Bändern bezeichnet.

Aber kommen wir einfach einmal zu konkreten Fällen, um das ganze näher zu erklären:

Ich selbst bin zum Beispiel sowohl gelenkig (sprich: meine Gelenkspfannen sind eher flach, weshalb der jeweilige Knochen einen großen Spielraum hat), als auch flexibel (klingt schön, bedeutet aber letztendlich nichts anderes als schwaches Bindegewebe) und trotzdem berühren die Fersen bei meinem herabschauenden Hund nie ganz die Matte.

Nachdem ich jahrelang gedacht habe, dass die Ursache eine verkürzten Achillessehne ist und ich daher nur brav üben muss, war ich geradezu baff, als ich erkannte, dass es an etwas ganz anderem liegt: Mein oberster Spannknochen trifft einfach früher auf den Unterschenkelknochen als bei manch anderen Yogis, was bedeutet, dass die Bewegung hier zu Ende ist. Sobald Knochen auf Knochen trifft, kann mit “Bemühen” und “Üben” nichts mehr getan werden. Ab diesem Zeitpunkt wird nur noch an Sehnen und Bändern gezerrt, die einem das früher oder später übelnehmen werden.

Sehr oft passiert das beim Lotussitz oder der Square Pose. Wenn die Hüfte des Übenden einfach nicht die externe Rotation von 90° aufweist, wird sich der ehrgeizige Schüler früher oder später böse verletzen, weil diese beiden Übungen mit seinem Knochenbau schlichtweg unmöglich sind. Selbst als Lehrerin habe ich lange Zeit nicht verstanden, warum diese Sitzhaltungen für viele meiner Schüler ein absolutes Ding der Unmöglichkeit waren.

Ebenso typisch für diese Unterschiede sind “gebundene” Haltungen (also das Fassen der Hände mit um den Körper geschlungenen Armen). Im Drehsitz die Hände fassen? Für viele gar keine Problem, aber für mich mit meinen Stummelärmchen völlig unvorstellbar. Ich könnte nun “Üben” und “mein Herz öffnen”, werde dabei aber lediglich meine Gelenkskapseln und Sehnen nerven, was früher oder später zu einer schmerzhafte Entzündung führen würde. Ich könnte aber auch einfach meinen Gurt zu Hand nehmen und den eigentlichen Nutzen der Übung genießen.

Bei all den tollen Bildern, die wir von schlanken, gelenkigen und wahnsinnig flexiblen Yogamodels kennen, vergessen wir nämlich oft den eigentlichen Sinn dahinter. Jede Ãsana möchte uns etwas schenken. Sei es eine gedehnte Beinrückseite, einen geöffneten Brustraum, eine Rotation in der Wirbelsäule, oder auch einen gestärkten Muskel. Wie wir zu diesem Ergebnis gelangen bzw. wie es dann aussieht, ist letztendlich egal. Der eine bleibt im Langsitz und spürt die Dehnung der Beinrückseite, der andere spürt sie erst wenn die Nasenspitze das Knie berührt. Beides ist völlig in Ordnung! Aber am Cover einer Yogazeitschrift wird man wohl eher letztere Variante bestaunen können.