Alles ist gut! Weniger ist mehr! Und wozu überhaupt Weizen?

Der Kult um eine ganz natürliche Sache, und was er anrichtet…

In Zeiten, in denen frisches Trinkwasser und Nahrung am einen Ende der Welt immer weniger werden, wird der Wahn um die einzig richtige, wahre Ernährung hier im Westen immer größer. Wie nach dem heiligen Gral sucht man nach der Ernährungsweise, die glücklich, strahlend, gesund und vor allem schlank macht.

Dabei wandeln sich die Trends so schnell, dass man als unschuldiger Endnutzer oft gar nicht weiß, wie einem geschieht. Gerade hat man noch vom grünen Smoothie (woher eigentlich die Glorifizierung einer Farbe?) als Wunderwaffe gelesen, schon wird einem am nächsten Tag von der TCM-Ärztin das genaue Gegenteil erklärt.

Ist frisches Obst und Gemüse denn nun wundersamer Vitaminlieferant oder doch nur unnützer Ballast für unseren geschundenen Magen? Was man auch isst, irgendeine Lehre wird es schon geben, die einem eben genau das vorwirft.

Gerade dieser Trend hat es für viele unmöglich gemacht auf ihr eigenes Bauchgefühl zu hören. Frei nach dem Motto: “Salat muss mir einfach gut tun, sonst wären nicht überall lachende Salat-essende Frauen abgebildet!“

„Vergiss deinen Hausarzt! Heil dich selbst mit Salbeitee und Vollkornreis! Und wenn das nicht hilft, und der Bauch immer noch zwickt, machst du etwas falsch und bist selbst schuld!“

Natürlich ist der Ansatz „Falsche Ernährung macht krank“ weder falsch noch neu (auch nicht für die Schulmedizin). Es ist nur hier genauso wie immer, wenn es um den menschlichen Organismus geht:

„Es kommt darauf an!“ Man kann Milchprodukte nicht pauschal kritisieren – für jemanden mit Laktoseintoleranz sind sie tatsächlich eine Katstrophe. Wer gerne vegan leben und Fleischersatzprodukte essen möchte, ist dazu herzlich eingeladen – solang er die Sojaprodukte verträgt und die Unkenrufe seiner Mitmenschen („Warum ist du dann nicht gleich richtiges Fleisch?! Das ist viel gesünder!“) erträgt. „Essen nach 18:00?!“ … eine Todsünde wenn es nach Ernährungscoachs, gleichwohl Models geht, doch ist es schwierig – muss man immerhin zuerst auf den Bauernmarkt das viele Biogemüse kaufen gehen und erstmal 90 Minuten Yoga praktizieren, bevor es ans Schnippeln und Kochen geht. Ebenso nicht das Vorkochen fürs Büro vergessen, wobei sitzende Tätigkeiten ohnehin das Schlimmste sind.

Alles irgendwie ein bisschen viel verlangt und vielleicht auch gar nicht nötig. Immerhin haben Menschen jahrtausendelang ohne diese Doktrine gelebt, sie sind selbstverständlich nicht so alt geworden wie wir heute und hatten mit Mangelerscheinungen zu kämpfen, doch die Neuzeit hat die Probleme gar ein bisschen andere Extrem gelenkt. Statt Mangel, „leiden“ wir unter dem Wohlstand und dem Überangebot.

Am Ende des Tages kommt es darauf an, bedacht und mit Freude zu essen. Und zwar die Lebensmittel zu sich zu nehmen, die einem gut tun – oder eigentlich viel mehr – nicht schlecht tun! Weniger Manie, mehr Ruhe. Wer nicht pausenlos darüber nachdenkt, was er wann essen soll/muss/darf oder sich unzulänglich fühlt, der wird am Ende auch wengier Beschwerden haben.